Informationsethik: Schutz des geistigen Eigentums, Knowledge Documentation versus Lizenzgebühren, Gesetze und Überwachung

20 Oktober 2007

Schutz des geistigen Eigentums, Knowledge Documentation versus Lizenzgebühren, Gesetze und Überwachung

„Ihr Bibliothekare seid konfuse Leute, Ihr wollt ja den ‚Freien Fluss der Information’.“

Indigenes Wissen – TCE, Copyright-Angelegenheiten und „Bibliotheken auf 2 Beinen“

Traditional knowledge, cultural expressions and folklore
What are they? Who owns them? What kinds of intellectual property protection should they have? What challenges do they present to librarians?
· Intellectual Property and Traditional Cultural Expressions/Expression of FolkloreWEND WENDLAND (World Intellectual Property Organization, Switzerland)
· South Africa's Approach to Traditional KnowledgeMACDONALD NETSHITENZHE (Department of Trade and Industry, South Africa)
· Traditional Knowledge and Traditional Cultural Expressions: Indigenous People's PerspectivesMATTIAS AHREN (Saamia Council, Norway)
· Traditional Knowledge: A Native American Librarian's PerspectiveLORIENE ROY (University of Texas at Austin, USA)
The Multicultural Library Manifesto - a tool for creating a better worldKIRSTEN LETH NIELSEN (Oslo Public Library, Oslo, Norway)

Begriffe - Problemgebiete
Indigenes Wissen, Traditionelles Wissen, traditional cultural expressions – TCE,
Traditional Knowledge

- Zugang durch ICT: Fähigkeiten, Kenntnis der Informations- und Kommunikations-Technologien wichtig,
- Bewusstsein der kulturellen Verschiedenheit
- Respektvolle ethische Konservierung
- Süd-Süd-Kooperationen z.B. bei der Rettung und Konservierung der Manuskripte von Timbuktu, Mali und Südafrika
- Restitution
- Sprachenvielfalt
- Copyright Schutz: vor Vermarktung, Verfälschung und Vereinnahmung schützen
World Bank betreibt gute Förderprojekte

Die digitale Strategie
Je nach politischen und wirtschaftlichen Umständen der Staaten wird versucht, das indigene Wissen zu erfassen und in digitaler Form für die Zukunft zu retten und zu archivieren.

In den meisten Fällen sind die dem traditionellen Wissen zugrundeliegenden Erkenntnissysteme unterschiedlich von der westlichen Weltsicht. Zum anderen war das traditionelle Wissen und sein Ausdruck meist lange Zeit durch religiöse und kolonialistische Übergriffe bedroht.

Knowledge documentation: Zeremonien, Kostüme, Masken, Artefakte, Erzählungen, Lieder, Riten werden erfasst

Die Besitzer dieses geistigen Eigentums sind die indigenen Bevölkerungen und nicht die Bibliotheken – diese agieren lediglich als respektvolle einfühlsame Kuratoren.
Bibliotheken haben Verantwortung in dieser Frage, sollten Partnerschaften mit anderen Institutionen, wie Museen und Forschungsinstitutionen eingehen und haben eine kritische Rolle als Organisatoren und Mediatoren.
Die Verantwortung ist enorm, da es sich um Vermittlung zwischen unterschiedlichen Wissenssystemen handelt.

Beispiel Australien:
Australiens Politik zielt auf Behandlung bereits bestehender Probleme und verkennt wie die meisten anderen Regierungen von Ländern mit indigener Bevölkerungen die Notwendigkeit der vorbeugenden Erfassung und Schutz vor dem Verlust. Durch Kolonialismus und in späterer Folge durch Diskriminierung der indigenen Bevölkerung drohen die Dinge unwiderbringlich verloren zu gehen.

In Afrika bestehen aufgrund seiner Vergangenheit die Bevölkerungen praktisch aller Staaten zu 90% aus indigener Bevölkerung und ein großer Anteil der Probleme Afrikas ist sicher auf den Fortbestand von Erziehungs- und Bildungssystemen zurückzuführen, die nie den Menschen, die dort leben gerecht geworden sind – sei es in bezug auf Sprache, Vorkenntnisse, gesellschaftliche und soziale Realität usw.

Dr. Alex Byrne (IFLA) vertritt aus der australischen Situation heraus sehr vehement den Standpunkt des freien Zugangs zu jeder Art des Wissens, gesichert auch durch nationale und internationale Gesetzesregelungen, die in voller Übereinstimmung mit den Menschenrechten getroffen werden müssen.

2005 hat in Oslo (71. IFLA Konferenz) das Gespräch über indigenes Wissen begonnen, 2006 kam es in Seoul zur Partnerschaft Australien - IFLA und jetzt ist A. Byrne als IFLA-Präsident besonders aktiv in diesen Fragen.

Freier Zugang für jeden
Nationalbibliotheken sammeln vor allem postkoloniale Geschichte, während das indigene Wissen und das kulturelle Erbe zumeist unterrepräsentiert ist.
Die Queensland State Library hat ihre politischen Strategien geändert. Die indigene Bevölkerung wird auch anteilmäßig im Bibliothekspersonal repräsentiert – das soll beitragen, die Schwellenangst zu nehmen.
Das Personal sollte nicht als Repräsentant der staatlichen Organisation auftreten, das schreckt die Menschen ab, sondern mit den Nutzern auf gleicher Ebene in Interessenskoalitionen zusammenarbeiten.

Sprache
In Gesellschaften mit indigener Bevölkerung – egal wo, im Norden genauso wie im Süden – muss großer Wert auf Sprachenprojekte gelegt werden. Sprachliche Diskriminierung besteht oft lange nach Wegfall der kolonisierenden Politik weiter.
In den meisten Ländern mit indigener Bevölkerung – das war in Schweden, Australien, der Schweiz im Falle der Roma, genauso wie in Afrika, üblich - wurden Kinder schon früh aus den Clans entfernt und zur Erziehung in staatliche Institutionen verbracht. Dort durfte nur die Kolonialsprache gesprochen werden, während die eigene Sprache verboten war.

Restitution
Dokumente sind oft in Sammlungen über den Kontinent und darüber hinaus verstreut und müssen zurückgegeben werden. Die Gemeinden sollten einbezogen werden, um die Dokumente nach Veränderungen und Verfälschungen zu prüfen und zu bewerten.

Die Kultur der Aborigenes ist immerhin die älteste Kultur der Welt und unser aller kulturelles Erbe. Bibliotheken spielen in der Bewahrung und Bereitstellung dieses Erbes eine führende Rolle, genauso wie in der Vermittlung zwischen staatlichen Organisationen und indigener Bevölkerung.

Kooperation
Australiens Dokumente sind in den USA mit der Hilfe dortiger Ureinwohner, die schon über mehr Erfahrung mit diesen fragen verfügten, adaptiert worden.
Die Frage der Rahmen-Bedingungen des Erfassens und Begreifens sind in Bezug auf indigenes Wissen besonders sensibel zu behandeln.
Wieder taucht hier das Phänomen der „Bibliotheken auf zwei Beinen“ auf – Menschen, meist Stammesältere, die über Stammeswissen verfügen und es mündlich weitergeben – zu denen Zugang gefunden werden soll und mit deren Mithilfe allein eine Rettung des Wissens möglich ist.

Geheimes Wissen
Der Umgang mit diesem Wissen ist in vieler Hinsicht problematisch.
Manches davon ist geheimes Wissen oder sonstwie im Zugang geregeltes Wissen. Abgesehen von der Erschließung des Inhalts, muss auch das dazugehörige Protokoll gefunden werden: herausfinden und berücksichtigen, unter welchen Umständen und an wen das Wissen weitergegeben werden darf. Das Protokoll zur Handhabung des Wissens ist also genau so wichtig wie das Wissen selbst.

Innerhalb der indigenen Gesellschaften sind - von ihnen bestimmte - Autoritäten dafür verantwortlich und zu denen gilt es Zugang zu finden.

Von kultureller Diversität ist noch nicht lange die Rede, nun geht es aber bereits um das Praktizieren dieser Diversität. Der Gedanke einer Leitkultur wird in Zukunft immer mehr in den Hintergrund treten und die Tatsache eines multikulturellen Zusammenlebens auch im Umgang der Bibliotheken mit den verschiedenen Kulturzeugnissen Auswirkungen haben.

In der Vergangenheit bis in die jüngste Gegenwart schien es nur 2 Möglichkeiten zu geben, mit Minderheiten umzugehen:

- Diese zu zwingen bzw. heute eher anzuregen, an der westlichen Erziehung teilzunehmen und daraus resultierend an Wohlstand und Macht der bestimmenden Kultur zu partizipieren.
- Minderheiten in Protektorate oder Ghettos abzudrängen und sie dort ihrem Schicksal zu überlassen – ohne Chance auf aktive Teilnahme an der regierenden Gesellschaft

Es gibt aber auch eine andere aufgeklärte Vision eines friedlichen, gleichberechtigten Zusammenlebens verschiedener Bevölkerungsanteile und der erste Schritt besteht darin, gegenseitig Informationen über die „anderen“ als fremd erlebten Menschen zu vermitteln. Bibliotheken haben hierbei eine Schlüsselrolle: einerseits als Anlaufstelle aller Bevölkerungsschichten und andrerseits als Animatoren und Mediatoren einer respektvollen Kommunikation im Bewusstsein der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Erkenntnissysteme.

Ist das Copyright nun gut, böse oder einfach nur hässlich?

Debunking Myths About Authors' and Publishers' Collecting Societies - the 'Good, the Bad and the Ugly'
· What are RROs and what do we doPETER SHEPHERD (President, IFRRO, UK)
· RROs: a librarian's perspectiveVICTORIA OWEN (University of Toronto at Scarborough, CANADA)
· Three Country case studies:- Kondwani Wella (MALICO, MALAWI)- Toby Bainton (SCONUL, UK)- Eve Woodberry (Council of Australia University Librarians, AUSTRALIA)

Im Dschungel der CR-Institutionen

WIPO - World Intellectual Property Organization (WIPO) ist eine Organisation der United Nations

http://www.wipo.int/tk/en/ Hier wird der Standpunkt und die Abkommen der WIPO in Bezug auf Traditional Knowledge, Genetic Resources and Traditional Cultural Expressions/Folklore dargestellt.

Nationale und internationale RROs (Reproduction Rights Organisations): Schutz, Förderung der Kreativität, Offenheit auf der Grundlage der Berner Konvention, nationale Regelungen sind auf diesen Grundlagen möglich

CLA – Die Copyright Licensing Agency Ltd. (CLA) ist eine Non-Profit Organisation, die Lizenzen für Kopieren und Snannen aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften vergibt

IFRRO – International Federation of Reprod. Rights Organisations

Die Frage, ob Copyright oder nicht stellt sich nicht, wohl aber die Frage nach einem fairen und balancierten Lizenzsystem. Der Reichtum des kulturellen Erbes und die Kreativität der einzelnen Kulturschaffenden in seiner Vielfalt und Diversität müssen gegen Vermarktung, Ausbeutung, Profitmacherei und vor allem gegen Verfälschung geschützt werden.
Durch unautorisierten und freien Gebrauch werden Werte geschädigt.

Bibliotheken verfolgen dieselben Interessen, geistiges Eigentum und traditionelles Kulturerbe zu sammeln, zu dokumentieren und zu schützen. Deshalb ist auch WIPO, die internationale Organisation zum Schutz geistigen Eigentums interessiert an der Zusammenarbeit mit Bibliotheken und Projekten der IFLA.

RROs schaffen auf nationaler Ebene Übereinkommen und berücksichtigen durchaus die jeweiligen Verhältnisse – z.B. sind Zahlungsaussetzungen möglich.

IFRRO code of conduct
(…
Werte:
RROs:
• maintain fair, equitable, impartial, honest, and non-discriminatory relationships with rightsholders, users and other parties;
• respect copyright, contracts and applicable national and international laws;
• act with integrity in the collection and distribution of funds received;
• minimise their costs while providing efficient services to rightsholders and users of copyright.

In order to give effect to these values, each RRO aspires to:

• be responsive to the needs of its rightsholders and licensees;
• achieve efficiency in the process of allocating and distributing payments and
• be accountable, ensure transparency and strive for best practice in the conduct of its operations. ..)

Kritik einer kanadischen Kollegin aus dem Publikum:
Kanada hat 37 Lizenzanstalten
Lizenz seit 1994, alles begann ganz vernünftig, inzwischen hat sich der Druck verstärkt, der Preis erhöht, seit 1996 haben sich Preise um 60% erhöht
Der kanadische „Copyright Act“ erlaubt Kopien zum Zweck der Forschung oder zum privaten Gebrauch – trotzdem erhöhen sich die Preise für Bibliotheken ständig.

Oberster Gerichtshof (Kanada) bestätigt, dass Bibliotheks-Aktivitäten nicht dem CR unterliegen
Die Bibliotheksbenutzer haben Rechte und dazu gehört, dass sie freien Zugang zu Wissen haben, und zwar unabhängig vom Format!
(Durch DRM - Digital Rights Management wird oft schon von der Hardware her der Zugang zu bestimmten Formaten reguliert.)

Wichtig ist es, seine Rechte zu kennen. Um effektiv und strategisch handeln zu können, muss man die Gesetzeslage kennen, um zu verweigern bzw. eine Überarbeitung des Gesetzes zu fordern.
Die Gesetzeslage darf nicht zu Restriktionen des Zugangs zu Information führen.

Ein negatives Beispiel ist Malawi:
Bibliotheken sind dort – wie an vielen anderen Orten – nicht gerade Priorität in Bezug
auf das Gesamt-Budget.
Von 1963 – 1993 wurden im Zuge des autoritären Regimes Bibliotheken kontrolliert
Ab 1993 ist die Freiheit des Informationszuganges per Verfassung geregelt.

COSOMA ist die nationale RRO Malawis und arbeitet als Regierungsstelle für Copyrightfragen.
Bibliotheken und COSOMA sind also Stakeholder – allerdings gibt es trotz offener Fragen keine Zusammenarbeit.
COSOMA agiert autoritär.
Die Bibliotheken erhielten Rechnungen, da ihre Bücher in Copy-Centern kopiert wurden. Manche Bibliotheken verweigerten die Bezahlung und erfuhren von Beamten von COSOMA „Ihr Bibliothekare seid konfuse Leute, Ihr glaubt ja an den ‚Freien Fluss von Information’“.

Die Gesellschaften in vielen Entwicklungsländern können oft kein großes Vertrauen in ihre gesetzgebenden Institutionen und in die Gesetze setzen. Es herrscht ein Mangel an Demokratieverständnis, Institutionen zur gegenseitigen Kontrolle fehlen und Korruption ist allgegenwärtig.

Ein anderer negativer Aspekt des Copyrights:
In den Entwicklungsländern kann oft das Material für Erziehung und Bildung nicht im eigenen Land hergestellt werden und muss daher von außen sehr teuer bezogen werden.
Das bedeutet auch die Bezahlung von hohen Lizenzgebühren, die an die 1. Welt gehen.


Forderung: Freie Reproduktion von allen Arten des Materials, wenn es für Bildung und Forschung verwendet wird.

Diese Forderung wurde zur Bearbeitung auch an die IFRRO - International Federation of Reproduction Rights Organisations - gerichtet.

Und wieder Australien:
Es gibt einen Code of Conduct für Copyright seit 2002, er wurde von 8 Institutionen akzeptiert. Webadresse http://www.copyright.com.au/ und
http://www.viscopy.com/pdfdocuments/COC.pdf
Der Code wird alle 3 Jahre überprüft und evaluiert – die Ergebnisse werden transparent öffentlich gemacht. Ein Nachteil ist, dass die Einhaltung des Codes freiwillig und unverbindlich ist, und dass die Code-Kontrollorgane nicht unabhängig von den sammelnden Gesellschaften agieren, sondern von ihnen bezahlt werden.

Die IFLA ist im Falle der Gründung von nationalen RROs oder der Mitarbeit von Bibliotheken nicht Supervisor und Kontrollorgan, sondern untersteht den nationalen Kommittees und der jeweiligen Gesetzgebung.
IFLA kann aber Informationen liefern, Erfahrungen weiter geben und informelle Unterstützung geben, damit alle Beteiligten zu einem Standpunkt der Übereinstimmung gelangen.

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